Fußball - Bundesliga: Sörgel: Keine «Narrenfreiheit» mehr für den Fußball

Düsseldorf (dpa) - Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) muss nach Ansicht des Experten Fritz Sörgel aktiv zur Aufklärung der Vorwürfe eines möglicherweise systematischen Anabolika-Dopings in früheren Jahren im deutschen Profifußball beitragen.

«Es ist ein Volkssport, der wichtigste Sport in Deutschland, und da kann man sich nicht erlauben, dass etwas ungeklärt bleibt», sagte der Nürnberger Pharmakologe im ZDF-Morgenmagazin. Der DFB werde darüber nachdenken müssen, ob die «Narrenfreiheit», die der Fußball nun mal habe, weiter gelten könne, und der Verband «in Zukunft nicht eine Schippe drauflegen muss, damit er glaubwürdig wird». Zweifel äußerte Sörgel daran, dass die Ethikkommission des DFB, in der Leute sitzen würden, «die jetzt nicht unbedingt als unabhängig angesehen werden können», das geeignete Gremium für die Aufklärung sei.

Kommissionsmitglied Andreas Singler beschrieb Jahrzehnte zurückliegende angebliche Praktiken beim VfB Stuttgart. Singler nimmt in der «Bild»-Zeitung Bezug auf den umstrittenen früheren Freiburger Sportmediziner Armin Klümper, bei dem früher auch Spieler des Fußball-Bundesligisten behandelt wurden. «Klümper schickte die Präparate an den Masseur oder ließ sie dorthin schicken. Beim VfB bezahlte der Verein die Rechnung», zitierte die «Bild» Singler. «Beim VfB wurde das Anabolika-Mittel auch mindestens in einem Fall nachbestellt. Damit ist bewiesen: Es gab Anabolika im deutschen Fußball.»

In einem am Montag bekanntgewordenen Sondergutachten der Untersuchungskommission zur Aufarbeitung der Doping-Vergangenheit an der Universität Freiburg, deren Mitglied Sörgel ist, wird berichtet, dass in der Bundesliga in den 1970er und 1980er Jahren regelmäßig Anabolika verabreicht worden sein soll. Bedenken äußerte er, ob der Vorwurf des systematischen Dopings im Fußball zutreffend sei. «Systematisches Doping ist ein sehr schwerer Vorwurf, der für Systeme insbesondere unter dem Einfluss der Politik gilt», erklärte Sörgel. «Das kann man aus den Unterlagen nicht unbedingt ableiten.»

Zugleich warnte der Wissenschaftler davor, mit Verdächtigungen über möglicherweise auch aktuelle Doping-Praktiken im Fußball vorsichtig zu sein. «Man muss fairerweise sagen, dass im Fußball - und es werden in einigermaßen vernünftigerweise nun auch Dopingtests durchgeführt - keine spektakulären Fälle aufgetreten sind», sagte Sörgel. «Deshalb muss man mit Verdächtigungen vorsichtig sein.»

Die Vergangenheit sei ein ganz anderes Kapitel. «Früher war das Unrechtsbewusstsein, was Doping angeht, ein ganz anderes gewesen», meinte er. Bekannt sei, dass in früheren Jahrzehnten die Einnahme des stimulierenden Captagons «eine ganz große Rolle» gespielt habe. «Die Fußballer haben auch kräftig experimentiert», erläuterte Sörgel. «Das war über drei, vier Jahrzehnte einfach etwas, was nebenher lief, was die Fußballer gerne angewendet haben, um am nächsten Sonntag wieder spielen zu können.»

Dass die Vorveröffentlichung des Sondergutachtens durch ein Mitglied der Untersuchungskommission zu Konsequenzen führen könne, glaubt Sörgel nicht. «Nein, es war ohnehin geplant, über die Dinge zu schauen. Es kann sein, dass das eine oder andere modifiziert oder ergänzt werden muss», sagte er. «Vielleicht taucht auch das eine oder andere noch auf, dass kann ich auch nicht ausschließen.»

erschienen am 03.03.2015 um 09:44 Uhr

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