Konflikte - Nahost: Mehr als 600 Tote in Gaza

Gaza/Tel Aviv (dpa) - Die israelische Militäroffensive im Gazastreifen geht in die dritte Woche und fordert immer mehr Menschenleben. Unter den mehr als 600 Toten im blockierten Palästinensergebiet ist auch eine siebenköpfige deutsch- palästinensische Familie.

Auch die Flugverbindungen nach Israel werden inzwischen in Mitleidenschaft gezogen. Amerikanische und europäische Airlines, unter ihnen die Lufthansa und Air Berlin, setzten ihre Flüge zum wichtigsten internationalen Flughafen des Landes, Ben Gurion bei Tel Aviv, aus.

Die US-Luftfahrtbehörde FAA untersagte wegen der Raketenangriffe aus dem Gazastreifen amerikanischen Fluggesellschaften zunächst für 24 Stunden Flüge zum wichtigsten internationalen Flughafen des Landes, Ben Gurion bei Tel Aviv. Kurz danach entschieden große europäische Fluggesellschaften, ihr Flüge ebenfalls vorübergehend auszusetzen. Neben der Lufthansa Gruppe, zu der unter anderem Swiss und Austrian gehören, schlossen sich auch Air France, KLM und SAS der Sicherheitsmaßnahme an. Die Sicherheit der Passagiere und Besatzungen habe Vorrang, hieß es dazu.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und US-Außenminister John Kerry forderten ein sofortiges Ende der Gewalt. «Hört auf zu kämpfen und fangt an zu verhandeln!», rief Ban am Dienstag bei Besuchen in Tel Aviv und Ramallah Israelis und Palästinensern zu.

Kerry appellierte am Dienstag in Kairo insbesondere an die radikal-islamische Hamas, einer Feuerpause mit Israel zuzustimmen. «Die Hamas muss eine grundlegende Entscheidung treffen, die eine erhebliche Auswirkung auf die Menschen in Gaza hat», sagte Kerry nach einem Treffen mit seinem ägyptischen Kollegen Samih Schukri.

Ägypten hatte eine Waffenruhe vorgeschlagen, die die Hamas jedoch ablehnt. Kernforderung der Hamas für eine Waffenruhe ist eine Aufhebung der Blockade des Gazastreifens durch Israel und Ägypten. Sie ist in dem ägyptischen Vorschlag nicht enthalten.

Bei der getöteten deutsch-palästinensische Familie handelt es sich nach palästinensischen Angaben um den 53-jährigen Ibrahim al-Kilani, seine 47 Jahre alte Frau Taghrid und fünf Kinder im Alter von 4 bis 12 Jahren. Der Familienvater hatte in den 1990er Jahren in Nordrhein-Westfalen und Hessen gelebt. Die Familie sei am Montagabend bei einem Luftangriff auf ein Gebäude in der Stadt Gaza getötet worden. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts sagte in Berlin: «Wir müssen aufgrund mehrfacher Hinweise davon ausgehen, dass es sich bei den Toten um diese Familie handelt.»

Im Fall eines israelischen Soldaten, der angeblich in der Hand der Hamas ist, soll Israel Deutschland um Hilfe gebeten haben. Nach Informationen des arabischen Senders Al-Arabija geht es dabei möglicherweise um Vermittlungsbemühungen. Der israelische Soldat, der an der Bodenoffensive beteiligt war, könnte demnach tot oder lebendig in den Händen der militanten Palästinenser sein. Eine Bestätigung Israels dafür gab es zunächst nicht.

Die humanitäre Krise in Gaza werde von Tag zu Tag schlimmer, sagte Kerry. «Wir haben zu viel Blutvergießen auf allen Seiten gesehen.» Nach einer Waffenruhe müsse in ernsthaften Verhandlungen über alle Anliegen gesprochen werden, «die uns dorthin gebracht haben, wo wir heute sind». Die USA geben 47 Millionen Dollar (34,7 Millionen Euro) für humanitäre Hilfe im Gazastreifen.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bat die UN-Staaten um 115 Millionen Dollar (85 Millionen Euro) für die Menschen im Gazastreifen. «Das ist nur für das Nötigste. Wir müssen alle alles tun, um das Leiden dieser Menschen zu lindern», sagte er am Dienstag auf einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates in New York, zu der er per Videokonferenz aus Ramallah zugeschaltet war.

Auch am Dienstag gingen die Gefechte weiter. Bis zum Abend stieg die Zahl der Toten auf 620 und die der Verletzten auf 3752. Bis zu 200 000 Menschen sollen in dem abgeriegelten Küstenstreifen auf der Flucht vor Tod und Verwüstung sein. Militante Palästinenser schossen 41 Raketen auf Israel ab, teilte die israelische Armee mit. Menschen wurden dabei nicht verletzt.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu warf der im Gazastreifen herrschenden Hamas vor, mehr Verluste unter der eigenen Bevölkerung anzustreben. «Sie wollen, ich wiederhole, wollen mehr zivile Opfer», sagte er. «Israel tut, was jedes Land tun würde, wenn Terroristen Raketen auf seine Städte hageln lassen würden», sagte der Regierungschef. Die Hamas missbrauche Hilfslieferungen von Zement für neue «Terror-Tunnel» nach Israel. Israel habe eine Waffenruhe akzeptiert, Hamas jedoch abgelehnt. «Wir haben diese Eskalation nicht gewählt.»

Auf israelischer Seite wurden 27 Soldaten und zwei Zivilisten getötet, mehr als 120 Soldaten wurden nach Medienberichten verletzt. Etwa 20 000 Israelis nahmen am Begräbnis eines Soldaten in Haifa teil, der bei Gefechten im Gazastreifen getötet worden war. Der 21-jährige Sean Carmeli war auch US-Staatsbürger.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und der Führer der Hamas-Exilorganisation, Chaled Maschaal, erörterten in der katarischen Hauptstadt Doha Möglichkeiten für eine Feuerpause. Palästinensische Führungskräfte sprachen von gewissen Fortschritten, wiesen aber darauf hin, dass eine Einigung zwischen Israel und der Hamas weiterhin nicht in Reichweite sei.

Nach gescheiterten Friedensinitiativen und andauerndem Beschuss aus dem Gazastreifen hatte Israel am 8. Juli mit Luftangriffen auf Ziele der Hamas begonnen. Am 17. Juli startete Israel seine Bodenoffensive. Damit sollen die Hamas-Tunnel zerstört und die Raketenangriffe auf Israel unterbunden werden.

Analyse zur politischen Situation der Palästinenserführung, CFR, engl.

Analyse der Lage in Nahost, Foreign Policy, engl.

Analyse: Kann die Einheitsregierung der Palästinenser überleben?, Carnegie, engl.

Analyse zu den Beziehungen Israel-Palästinenser, WSJ-Blog, engl.

erschienen am 22.07.2014 um 21:08 Uhr

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